In königstein im taunus „Orte der Freiheit und der Demokratie


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HESSEN

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ROLAND KOCH

DIE „VILLA ROTHSCHILD”

IN KÖNIGSTEIN IM TAUNUS

„Orte der Freiheit und der Demokratie” sind durch historische Momente oder Ereignisse in

der Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen 60 Jahren vielfach entstanden. Meist

werden diese Orte mit großen Persönlichkeiten und besonderen Begebenheiten in Verbin-

dung gebracht.

ORTE PRÄGEN ERINNERUNGEN

Der Ort oder, besser gesagt, der Schauplatz spielt jedoch eine wesentliche Rolle bei diesen

historischen Momenten, schenkt er uns doch das Bild, das wir sehen, erleben, uns einprä-

gen, und den Eindruck, der unsere Erinnerung lebendig hält. Der Ort, an dem „Geschichte

geschrieben wird”, steht für sich und ist aussagekräftig genug, so dass die Bilder auch

ohne die Namen der Personen zu uns sprechen und auf uns (nach-)wirken: Besuche ich

historische Orte, so erinnere ich mich an bestimmte Jahre, Ereignisse und Personen: Die

Jahre sind vorbei, die Ereignisse vorüber, die Protagonisten meist nicht mehr aktiv oder

nicht mehr unter uns – aber der Ort ist meist geblieben. Repräsentativ könnte ich hier mit

Blick auf unsere Bundeshauptstädte das Museum Koenig in Bonn, das Rathaus von Berlin-

Schöneberg oder – als Paradebeispiel – das Brandenburger Tor nennen.

Quelle: Kempinski Hotel Falkenstein

im Taunus, Frankfurt a.M.


KÖNIGS

HESSEN


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Villa Rothschild 1894

Quelle: Kempinski Hotel Falkenstein im Taunus, Frankfurt a.M.

VILLA ROTHSCHILD IM WANDEL DEUTSCHER

GESCHICHTE

Blicke ich nun auf das Land Hessen und auf dessen

Geschichte und suche „Orte der Freiheit und der

Demokratie”, die symbolisch für politische Entschei-

dungen und wichtige Weichenstellungen in der Bun-

desrepublik seit 1949 stehen, fällt mir spontan ein

Ort unweit meines Elternhauses ein: Nahe der Stadt

Königstein im Taunus liegt die ehemalige Sommer-

residenz des Bankiers Wilhelm Carl Freiherr von Roth-

schild (1828–1901), die in den Jahren 1888 bis 1894

errichtet wurde. Mit seinem Tod erlosch die männliche

Linie des deutschen Zweiges der Familie. Seine Ge-

mahlin, Hannah Mathilde von Rothschild, starb 1924.

Ihr Enkel, Rudolf von Goldschmidt-Rothschild (1881–

1963), übernahm das herrschaftliche Anwesen bis zum

Jahr 1938. Unter dem Druck der Nationalsozialisten

trat er es vor seiner Emigration an den Unternehmer

Georg von Opel ab, der es wenige Jahre später an die

„Reichsgruppe Banken” und die „Wirtschaftsgruppe

Freier Banken” weiter übertrug. Im Zuge des Novem-

berpogroms gegen die jüdische Bevölkerung sollte

die Villa Rothschild niedergebrannt werden. Der da-

malige kommissarische Bürgermeister von Königstein

ließ das Anwesen jedoch durch eine Abteilung des

Reichsarbeitsdienstes abschirmen, so dass die Villa

nach diesen bewegten und erschütternden Jahren

1945 unversehrt an das Land Hessen fallen und in

den Folgejahren zu einem „Ort der Freiheit und der

Demokratie” erblühen konnte.

DER AUFTRAG DER ALLIIERTEN

Am 1. Juli 1948 erhielten die elf westdeutschen

Ministerpräsidenten von US-Militärgouverneur Lucius

D. Clay im Beisein seines britischen und seines fran-

zösischen Kollegen, Sir Brian Robertson und Pierre

Koenig, im US-amerikanischen Hauptquartier, dem

I.G.-Farben-Haus in Frankfurt am Main, den Auftrag,

eine Verfassung zu erarbeiten und einen westdeut-

schen Teilstaat zu gründen. Im gleichen Jahr, am

1. Dezember 1948, wurde an derselben Stelle die

Hessische Verfassung unterzeichnet.

Den Ministerpräsidenten – in alphabethischer Reihen-

folge: Peter Altmeier (Rheinland-Pfalz), Karl Arnold

(Nordrhein-Westfalen), Lorenz Bock (Württemberg-

Hohenzollern), Max Brauer (Hamburg), Hans Ehard

(Bayern), Wilhelm Kaisen (Bremen), Hinrich Wilhelm

Kopf (Niedersachsen), Hermann Lüdemann (Schles-

wig-Holstein), Reinhold Maier (Württemberg-Baden),

Christian Stock (Hessen) und Leo Wohleb (Baden) –

wurden für diesen wegweisenden Auftrag die so ge-

nannten „Frankfurter Dokumente” ausgehändigt, die

auf der Londoner Sechs-Mächte-Konferenz zusam-

mengestellt worden waren und Empfehlungen und

Leitlinien für die bevorstehenden Gespräche beinhal-

teten.


Die zu Beginn der Verhandlungen einberufene so ge-

nannte „Rittersturz”-Konferenz (8. bis 10. Juli 1948)

in einem Berghotel oberhalb von Koblenz mündete

in den „Koblenzer Beschlüssen”. Darin wurden der

Zusammenschluss der drei westlichen Besatzungs-

zonen zur Bundesrepublik Deutschland und die Ab-

trennung von der sowjetischen Besatzungszone fest-

gelegt. Eine Vereinigung Deutschlands erachteten

die Ministerpräsidenten zu diesem Zeitpunkt als nicht

realisierbar, wenngleich sie betonten, dass die Grün-

dung der Bundesrepublik Deutschland lediglich ein

Provisorium sein solle und die Gründung eines ge-

samtdeutschen Staates langfristig wieder angestrebt

werde. Eine „Verfassungsgebende Versammlung”, wie

von den West-Alliierten in den „Londoner Beschlüs-

sen” vorgeschlagen, lehnten die Ministerpräsidenten

ab – vielmehr sprachen sie sich für einen „Parlamen-

tarischen Rat” aus, der ein „Grundgesetz” erarbeiten

sollte. Der Parlamentarische Rat tagte bekanntlich ab

dem 1. September 1948 im Museum Koenig in Bonn,

nachdem zuvor der „Verfassungskonvent” auf Herren-

chiemsee (10. bis 23. August 1948) die fundamen-

talen Bausteine für das Grundgesetz gelegt hatte.

„Sind denn diese Zaunkönige noch nicht fertig?”, soll

Konrad Adenauer bereits am zweiten Tag der „Ritter-

sturz”-Konferenz ungeduldig gefragt haben, wohl

wissend, dass dem Auftakt noch einige Gespräche

der Ministerpräsidenten parallel zu den Sitzungen

des Parlamentarischen Rates folgen würden.


TEIN

HESSEN


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vereinbarten die Ministerpräsidenten, für wissen-

schaftliche Institutionen von überregionaler Bedeutung

auch finanzielle Zuschüsse anderer Länder zuzulassen,

sofern die erforderlichen Mittel für die erfolgreiche

Umsetzung der Forschungsaufgaben nicht von der

zuständigen Landesregierung allein aufgebracht wer-

den können. Dieser Modus, der erst im Jahr 1969

verfassungsrechtlich abgesichert wurde, erhielt die

namentliche Kurzform „Königsteiner Schlüssel”. Der

Anwendungsbereich wurde nachfolgend über den

Bereich der Forschungsförderung hinaus ausgedehnt.

Der Schlüssel wird heute von der Bund-Länder-Kom-

mission jährlich neu berechnet. Er setzt sich zu zwei

Dritteln aus dem Steueraufkommen und zu einem

Drittel aus der Bevölkerungszahl der Länder zusam-

men.

Im „Haus der Länder”, so wurde die Villa Rothschild



fortan offiziell bezeichnet, trafen sich in den Grün-

derjahren der Bundesrepublik Politiker wie Theodor

Heuss, Ludwig Erhard und Ernst Reuter mit zahlrei-

chen Diplomaten aus der ganzen westlichen Welt.

Seit 1955 ist die Villa Rothschild mit einem über

zehn Hektar großen Parkgelände, das von Heinrich

Siesmayer, dem Architekten des Frankfurter Palmen-

gartens, geschaffen wurde, im Besitz der Stadt König-

stein. Fortan wurde die Villa zunächst als Gastrono-

mie, dann als Hotel genutzt. Im Oktober 2005 wurde

der Hotelbetrieb vorübergehend eingestellt. Nach Ab-

schluss eines Erbbaurechtsvertrags über 99 Jahre mit

einem neuen Investor wurde die denkmalgeschützte

Villa Rothschild aufwendig saniert und als Hotel der

Luxusklasse in bester Taunuslage am 1. März 2007

wiedereröffnet.



ROLAND KOCH

geb. 1958,

ist hessischer Ministerpräsident.

DIE GESPRÄCHE IN DER VILLA ROTHSCHILD

Ein fester „Ort der Demokratie” für die weitere Um-

setzung des Auftrags war von den Alliierten nicht

vorgegeben worden, so dass nach der ersten Zusam-

menkunft der Ministerpräsidenten in Koblenz nunmehr

ein geeigneter, zentral gelegener Verhandlungsort für

weiterführende Gespräche auf dem Weg zur Bundes-

republik Deutschland gefunden werden musste. Die

Wahl fiel auf die Villa Rothschild. Die Stadt Königstein

im Taunus, unweit von Frankfurt am Main, bot diese

ideale Lage, eine Mischung aus guter Erreichbarkeit

und idyllischer Abgeschiedenheit.

Zu Beginn des Jahres 1949 wurde das ehemalige An-

wesen der Familie Rothschild im Zuge des politischen

Wiederaufbaus Westdeutschlands zu einem „Ort der

Freiheit und der Demokratie”. Am 24. März 1949 war

es Schauplatz eines wegweisenden Zusammentreffens

der westdeutschen Ministerpräsidenten: Ungeachtet

des Einspruchs der Alliierten beschlossen die elf Län-

derchefs in Königstein die Einführung eines bundes-

einheitlichen Wahlrechts durch den Parlamentarischen

Rat. US-Militärgouverneur Clay hatte zuvor erklärt,

dass für die Festlegung des Wahlrechts jeweils die

Landtage zuständig sein sollten und der Parlamenta-

rische Rat nur die Anzahl der Abgeordneten pro Bun-

desland bestimmen dürfe. Nachfolgend gestanden die

Westalliierten dem Parlamentarischen Rat die Festle-

gung des Wahlsystems zwar zu, verweigerten ihm aber

die Verabschiedung des Wahlgesetzes. Das vom Par-

lamentarischen Rat daraufhin zunächst nur vorgelegte

Wahlgesetz, eine Mischung aus Verhältniswahlrecht

nach Listen und Persönlichkeitswahlrecht in den Wahl-

kreisen, wurde am 15. Juni 1949 durch die Minister-

präsidenten im hessischen Kurort Schlangenbad nahe

Wiesbaden verabschiedet und offiziell verkündet. Die

Einführung eines bundeseinheitlichen Wahlrechts, ein

Beschluss, der in der Villa Rothschild gefasst worden

war, war somit vollzogen. Am 14. August 1949 wurde

der erste Deutsche Bundestag gewählt. Die Frage des

Wahlrechts hatte Konrad Adenauer bereits im August

1948 als „von entscheidender Bedeutung für die poli-

tische Zukunft Deutschlands” bezeichnet. In König-

stein wurde sie entschieden, und die Villa Rothschild

wurde dadurch zu einem wahrhaftigen „Ort der Frei-

heit und der Demokratie”.

Eine Woche nach dem richtungsweisenden Wahlrechts-

beschluss, am 31. März 1949, kamen die Regierungs-

chefs der westdeutschen Länder in einem weiteren

Punkt überein: Im „Staatsabkommen über die Finan-



zierung wissenschaftlicher Forschungseinrichtungen”

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